Auch so'n Schiffsmodell

Als 12-jähriger hatte ich etwas anderes angefangen und auch zu Ende gebracht. Es ist ein Schiffsmodell, dessen Bau als sowjetisches Flußkanonenboot begann und als ferngesteuerte Motorjacht endete. Heute, nach über 40 Jahren, fährt sie noch, beziehungsweise wieder.

Die Jungfernfahrt, noch ungesteuert, fand vermutlich um das Jahr 1977 auf dem Schwanenteich in Rostock statt. Anwesende Zeugin war meine Mutter. Die nächsten Jahre war ich beschäftigt, diverse Arten von Fernsteuerungen auszuprobieren, angefangen von modulierten Licht, über Kabelsteuerung bis zu galvanischen Versuchen. Meine Eltern verweigerten mir standhaft eine Funkfernsteuerung als Geschenk. Für mich waren die damaligen Funkfernsteuerungen einfach unerschwinglich. Letztendlich kam ich zur Erkenntnis, dass nur der Eigenbau einer solchen zu einem brauchbaren Erfolg führen würde. Eigenbauanlagen mussten von der Post abgenommen werden. Es wurde ein mühsamer Weg. 1983, unmittelbar vor meiner Dienstzeit in der NVA, ließ ich den 27 Mhz Sender überprüfen - erfolgreich. In den ersten Wochen bei der Armee schrieben mir meine Eltern, dass das Genehmigungsschreiben eingetroffen ist. Beim Militär gab es hin und wieder Freizeit. Am 25.8.1985 am Bootsanleger am Achterwasser in Neppermin/Usedom fuhr das Boot, bereits mit GFK-Rumpf und zur Motorjacht umgebaut, funkferngesteuert mit der Tip-Tip-Anlage bis an die Sichtgrenze auf das Wasser hinaus. Ich hatte es geschafft!

In den Herbstferien 1981 wurde aus dem Kriegsschiff eine Motorjacht. Die jetzt große Öffnung im Deck unter der Kabine ergab eine bessere Zugänglichkeit zu den experimentellen Einbauten im Rumpf. Obwohl bis dahin relativ wenig im Wasser, lösten sich die mit dem Alleskleber Duosan verklebten Sperrholzwände vom Spant-Gerüst. Radikale Abhilfe schaffte ich dadurch, dass ich den Rumpf mit Harz (Hobbyplast) und Glasmatten abformte. Den ursprünglichen Rumpf konnte ich nur in Einzelteilen aus der GFK-Hülle entfernen.

Nach noch einigen Verbesserungen und Optimierungen lagerte das Boot lange Jahre in seiner Transportkiste. Pfingsten 1993 hatte ich die Eigenbauanlage durch eine 40 Mhz Graupner-Anlage ausgetauscht, die für meine Flugmodelle nicht mehr benötigt wurde. Die Probefahrt in den ehemaligen Steinbrüchen von Mühlheim verlief zufriedenstellend. Leider verschwand das Boot wieder für lange Zeit in der Kiste. 2018 dann ein erneuter Schritt. Beruflich bedingt hatte ich plötzlich den Lippe-See bei Paderborn in Wohnweite. Bis dahin immer noch mit dem DDR-Piko-Spielzeugmotor angetrieben, bekam die Jacht einen 400er Motor verpasst und wurde mit einer 2.4 GHz Anlage gesteuert. Freundlicherweise durfte ich im Vereinsgewässer des MSC-Heusenstamm Probefahrten machen. Mit dem 400er 7,2V Motor mutierte das Boot vom gemütlichen Verdränger zu einem rasanten Rennboot. Mit einem 400er 12V Motor wurde der Antrieb beherrschbar. Es folgten einige schöne Fahrten auf dem Lippe-See und in einem Springbrunnen im Schlosspark von Schloss-Neuhaus. 2020 habe ich ein Getriebe zwischen Motor und Schraubenwelle gesetzt. So ausgerüstete Fahrten in freier Wildbahn verhinderte leider bisher die Corona-Krise.

Noch mehr Offtopic

Im Zusammenhang der Erstellung dieser Seite ging ich per Google auf die Suche nach den Vorbild des Flußkanonenbootes. Mir war klar, dass der Plan aus der Zeitschrift "Modellbau und Basteln" von 7/1959 nur eine sehr vage Verbindung zu real existierenden Booten haben konnte. Zu meiner Überraschung stieß ich auf recht ausführliche Informationen über das Projekt 1124 des sowjetischen Militärs (Achtung, es geht nicht um das gleichnamige Projekt des U-Bootabwehrschiff der Grischa-Klasse, sondern um Flußkanonenboote der 30er und 40er Jahre.). Bei Interesse einfach mal googeln ("projekt 1124 armored boots").

Es heißt, dass die stark gepanzerten, stark bewaffneten und auch stark motorisierten Boote sehr erfolgreich waren - jedenfalls wenn man das Anrichten von möglichst viel Schaden als Erfolg bezeichnen möchte. Eins jedoch weiß ich: Wer den Rumpf des Modells konstruiert hatte, verstand etwas von schnellen Booten. Heute, mit dem starken Antrieb, läuft das Boot auch in voller Gleitfahrt stabil und gut steuerbar.

Quelle für Originalbild: http://wio.ru/fleet/ww2armorb.htm