Opas Lok

oder auch: Wie eine über 50 Jahre alte Piko-Lok wieder einsatzbereit wurde.

"...with that money you can buy any number of rugs that don't have sentimental value, for me"
(Maude Lebowski)

Historisches

... manches kann man jedoch nicht für Geld kaufen.

Im Grunde ist die Lok mein erstes Modellbahn-Fahrzeug, was tatsächlich mir gehörte. Als mein Vater Anfang der 1970er-Jahre begann, eine Modellbahnanlage zu bauen, war dies natürlich für seine Kinder gedacht - behauptete er jedenfalls bis heute. Nur hatte er die Hand drauf, weil ja selbst sein ältester Sohn (ich) dafür noch zu klein war. Es muss Weihnachten 1973 oder 1974 gewesen sein, als meine Großeltern mir die Lok schenkten. Ich kann das Ereignis deshalb auf die beiden Jahre eingrenzen, denn diese Fahrwerksvariante ist von Piko ab 1973 ausgeliefert worden und mein Großvater ist 1975 gestorben. Und höchstwahrscheinlich war ich tatsächlich zu klein für ein solches "Spielzeug", was meine Eltern vermutlich stirnrunzelnd auch erkannten. Aber so sind Großeltern halt manchmal.

Das wunderschön detaillierte Modell machte leider im Fahrbetrieb wenig Spaß. Alle paar Zentimeter musste angeschubst werden. Das war damals mit vielen Spur-N-Modellen so. Stromabnahme von nur 4 Achsen im Tender. Stromzuführung zum Motor in der Lok über kleine Kontaktflächen in der Kupplung zwischen Lok und Tender. Keine Schwungmasse. Eigene Versuche, als ich dann älter war, die Fahreigenschaften zu verbessern, endeten, aufgrund meiner Unerfahrenheit, in einer Beschädigung der Motorschleifkontakte ... und wohl noch mehr, wie ich jetzt feststellen musste. Jahrzehnte verbrachte die Lok im Karton, später in der Vitrine, manchmal als Deco auf meiner Anlage. Immer wieder dachte ich mir, dass es eigentlich schade um die schöne Lok ist.

Motiviert durch erfolgreiche Umrüstungen von Triebfahrzeugen auf Pufferspeicher und Glockenanker-Motor beschloss ich vor Weihnachten 2025: Die alte Lady soll wieder fahren können. Und das tat sie dann auch. Viel besser als sie jemals vorher fuhr, wobei man ihr das Alter natürlich deutlich anmerkt.

Moderne Technik in alter Lok

Restaurierte BR 55 auf der Laubensteiner Steigung

Antriebsumbau in der Lok

Die Idee war, den runden Originalmotor im Führerhaus durch einen Glockenanker-Motor zu ersetzen, der in einem Halter steckt, der die Maße des Originalmotors hat. Der Halter kann somit an Stelle des originalen Motors eingeklipst werden. Da der Originalmotor im Prinzip nur ein runder Zylinder ist, braucht man lediglich einen solchen mit gleichen Durchmesser zu drehen, der mittig ein Loch für den Glockenanker-Motor hat. Die Achse des neuen Motors wird dann automatisch fluchten.

Die originale Schnecke musste von der Motorwelle abgezogen werden, denn ich konnte kein Ersatzteil mit passenden Maßen auftreiben. Die Motorwelle vom Glockenanker-Motor hat 0,8 mm Durchmesser, auf die eine Verlängerung mit einem Außendurchmesser von 1,5 mm aufgeschoben und verklebt wird. Dies ist jetzt der Durchmesser der originalen Motorwelle. Sie passt damit wieder in das Gegenlager im Chassis und trägt die originale Schnecke. Die alte Halterung für die originalen Motorschleifkontakte wird abgeknipst. Bild 1 zeigt die erste Versuchsanordnung, noch mit unfertig bearbeiteten Halter. Im Bild 2 ist der Halter fertig gedreht, gefräst und mit einem Verdrehschutz versehen, wie ihn auch der originale Motor hatte. Er hat außerdem eine Kabeldurchführung nach hinten zum Tender für die Motordrähte. Im oberen Teil ist Material zur Gewichtsersparnis entfernt. Trotzdem bringt der neue Antrieb etwa doppelt so viel Gewicht auf die Waage. In Bild 3 ist alles testweise zusammengesteckt. Mechanisch passt es soweit. Der "Schwerpunkt" der komplett montierten Lok liegt zwischen der 3. und 4. Achse, also ziemlich weit hinten. In Bild 4 härtet der Kleber vom Motor gerade aus. Die Pins halten den Antriebsstrang in Position, da er ansonsten durch die Spannung in den Anschlussdrähten nach vorne gedrückt würde.

Damit das Gehäuse tatsächlich passt, musste ich leider doch am Trimmgewicht im Kessel manipulieren. Am hinteren Ende musste die Nase abgeschnitten werden, die den Kontakt zur Beleuchtung trägt. Den Raum benötigt jetzt der Motor. Und in der Mitte musste eine kleine Nut gefräst werden, weil die neue Motorwelle aus dem vorderen Lager herausragt. Ich hätte sie auch kürzen können, jedoch ist es mir so lieber. Die Pfeile in Bild 5 zeigen auf die beiden Stellen. Abschließend habe ich die hintere Öffnung des Halters mit einer runden Scheibe aus geschwärztem Plexiglas verschlossen. Und Bild 6 zeigt die jetzt fahrbereite Lok.

Bild 1 Test neuer Motorhalter

Bild 2 Motorhalter fertig

Bild 3 Probezusammenstecken

Bild 4 Einkleben des Motors

Bild 5 Platz für Motor und Welle

Bild 6 Montiert

Decoder im Tender

Im Tender ist reichlich Platz für einen Decoder mit integrierten Speicher. Bilder 7 und 8 zeigen die Ausgangssituation mit dem Entstörfilter. Die Platine mit dem Entstörfilter wird durch eine passend angefertigte Leiterplatte aus kupferkaschierten Material ersetzt, wobei das Kupfer nach unten zeigt und somit den Kontakt zu den Radschleifern herstellt (Bild 9). Die Platine hält auch gleichzeitig über zwei M 1,6 Schrauben das Fahrgestell zusammen, braucht also zwei Löcher mit Gewinde. Da ich nur 0,8 mm dickes Leiterplattenmaterial vorrätig hatte, was für ein Gewinde zu wenig Futter bietet, habe ich zwei noch zwei Verstärkungsbrücken aus 1,5 mm Pertinax aufgesetzt. Als Decoder wird ein DHSP10A von Döhler & Haas verwendet. Dieser passt genau zwischen die Brücken und wird dort mit doppelseitigen Klebeband fixiert (Bild 12). Die Verbindung zu den Kontaktflächen auf der Unterseite übernehmen zwei Kupferlackdrähtchen, die dort so angelötet sind (Bild 10), dass sie den Radschleifern nicht im Wege sind. Leider musste vom Trimmgewicht doch noch ein wenig weggefräst werden, damit sich das Gehäuse aufsetzen lies (Bild 13). Die Kupferlackdrähte von den Radschleifern waren problemlos zu verlegen. Für die Kabel vom Motor musste ich im Chassis mit einem kleinen Kugelkopffräser eine Kanal erzeugen. Und auch das Gehäuse bekam an der Stelle einen 2 mm breiten Kanal mit 0,5 mm Tiefe eingefräst. Chassis und Gehäuse klemmen die beiden nach vorne führenden Motorkabel ein und halten sie somit in Position. Die Kabel bilden zwischen Lok und Tender eine u-förmige Schleife zwecks der Beweglichkeit. Da sie im Tender direkt am Decoder angelötet sind, lassen sich Lok und Tender nicht mehr trennen. Bild 14 zeigt die endgültige Situation mit abgenommenen Tender-Gehäuse.

Bild 7 Analoges Original

Bild 8 Demontiertes Original

Bild 9 Neue Kontaktplatte

Bild 10 Anschlussdrähte Gleiskontakt

Bild 11 Zusammengebaut mit neuer Platte

Bild 12 Decoder fixiert

Bild 13 Trimmgewicht fräsen

Bild 14 Decoder angeschlossen

Rekonstruktion

Ich hatte nicht in Erinnerung, dass die Lok, außer dem defekten Motor und der fehlenden vorderen Kupplung, auch ansonsten in einem sehr desolaten Zustand war. So musste ich leider feststellen, dass vom Chassis die obere Brücke aus Plaste auf Höhe zwischen den mittleren Rädern gebrochen war (Bild 16) und somit nach oben "abhauen" konnte. Dort fand ich auch Reste von Kleber, was also bedeutet, dass irgendwer (ich ?) das mal versucht hatte zu reparieren. Auch gebrochen war die Brücke mit den Zylindern (Bild 17). Ein Reparaturversuch der Zylinderbrücke schlug fehl. Also habe ich die beiden Teile festgeklebt und auch das Chassis-Teil mit dem darunter liegenden Metallchassis verklebt. Das bedeutet jetzt, dass ich diese Teile später nicht mehr demontieren kann, aber was soll's ... Den Wiedereinbau der vorderen Kupplung befürchtete ich als sehr fummlig, vor allem wegen der zu montierenden winzigen Druckfeder, die dabei gerne wegspringt und auf diese Weise aus dem bekannten Universum verschwindet (In den Bildern 17 und 18 fehlt die Feder noch. Darum hängt die Kupplung herunter.). Bis mir die Idee kam, sie mit einem winzigen Tropfen Kleber an der Kupplung zu fixieren (Bild 19). Ich brauchte somit nur die untere Fahrwerksplatte vorne etwas aufzusperren, sie in dieser Lage zu fixieren und konnten dann sehr kontrolliert und in aller Ruhe die Kupplung mit angehefteter Feder einsetzen. Bild 20 verdeutlicht die Stelle. Als Kleber für die Reparaturen habe ich UHU-Endfest 90-Minuten verwendet. Da muss ich zwar einen halben Tag warten, bis ich den nächsten Schritt gehen kann, jedoch habe ich genügend Zeit, alles in Ruhe auszurichten.

Bild 15 In der Werkstatt

Bild 16 Chassis-Bruch

Bild 17 Zylinderbruch

Bild 18 Zylinder geklebt

Bild 19 Angeheftete Druckfeder

Bild 20 Kupplung mit Feder vor dem Einsetzen